Samstag 18. November 2017

Buchprojekt "Flüchtlinge erzählen"

Das Buchprojekt „Flüchtlinge erzählen“ läuft bereits auf Hochtouren. Beim Projekt arbeiten österreichische Autoren und Autorinnen mit Heimatvertriebenen zusammen, um ihre ganz persönliche Geschichte zu erzählen. Einige Texte haben wir bereits zugesandt bekommen. Eine Geschichte handelt von den traumatischen Erfahrungen von Aqeel.

Ein kleiner Vorgeschmack von Peter Raffalt & Aqeel.

Ich wollte nichts Falsches tun.
Ich wollte nur meine Familie ernähren.

 

Am 22.11.1983 bin ich in Bagdad zur Welt gekommen. Dort wuchs ich behütet und glücklich im Kreise meiner Familie auf und verlebte eine wunderbare Kindheit. Ich liebte es, wenn meine Großeltern Geschichten erzählten, ich spielte mit meinen Geschwistern, half meinem Vater bei der Arbeit und ging gerne zur Schule. Später studierte ich Biologie. Ich verliebte mich in eine wunderbare Frau, wir heirateten und zogen an einen Ort außerhalb von Bagdad, wo wir beide sehr glücklich lebten. Oft besuchten wir meine Eltern in der Stadt oder trafen uns mit Freunden, wir machten Ausflüge, gingen ins Kino oder essen.

 

Zwei Jahre nachdem wir aufs Land gezogen waren, wurde mir Arbeit in einer amerikanischen Firma angeboten. Das war sehr verlockend, der Job gefiel mir und die Bezahlung noch mehr. Meine Frau war schwanger und ich stolz, eine gute Arbeit gefunden zu haben. Also sagte ich zu. Kurz darauf erhielt ich vom Betrieb die notwendigen Papiere und ich trat meinen ersten Arbeitstag an.

 

Zwei Kriege hatte Amerika gegen den Irak geführt. Tausende Menschen sind dabei ums Leben gekommen, etliche Dörfer und Städte wurden zerstört. Deshalb ist Amerika für viele in unserem Land ein Feindbild. Eine Gruppe militanter Vertreter des Islam schüren dieses Feindbild und suchen Konflikte, wo sie können.

Mitglieder dieser militanten Gruppe hatten erfahren, dass ich für eine amerikanische Firma tätig war.

 

Ich arbeitete. Meine Frau ruhte sich zu Hause aus, sie war bereits im 9 Monat mit Zwillingen schwanger. Ein Briefumschlag lag im Eingang. Irgendjemand hatte ihn unter unserer Haustüre durchgeschoben. Weder Adresse noch Absender standen drauf. Meine Frau öffnete ihn, entnahm ihm einen Brief und überflog ihn. Unweigerlich griff sie zum Telefon. Mein Handy klingelte. Mit zitternder Stimme las sie mir den Inhalt vor.

 

„Verräter! Jeder, der für Amerika arbeitet, ist gegen den Irak!

Jeder der gegen Irak ist, ist ein Verräter!

Tod den Verrätern!“

 

Ich wusste, was das zu bedeuten hatte. Weder spaßten diese Menschen, noch zögerten sie. Sie töteten, wen sie sich vorgenommen hatten zu töten. Mir wurde bewusst, dass wir ab sofort in unserem Dorf kein friedliches Leben mehr führen konnten. Ich musste handeln und zwar schnell.

 

„Pack alles ein, was du brauchst!“, drängte ich am Telefon. „Ich bin gleich bei dir. Wir fahren zu deinen Eltern. Dort sind wir fürs erste sicher.“

Meine Frau war sehr beunruhigt. Wir wussten beide, dass dieser Brief kein schlechter Scherz war und auch keine leere Drohung.

 

Diese Leute handeln erbarmungslos.

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